Montag, 27. Februar 2012

Chantal

27. Februar 2012
Warum versagt das Kinder- und Jugendhilfesystem?

"Hilfeschreie, die niemand hört..." Soll es nach dem Tod der elfjährigen Chantal aus Hamburg nicht mehr geben. Deswegen hat Günther Jauch gestern Abend einen Journalisten, einen Bezirksbürgermeister, eine Jugendamtsmitarbeiterin, eine Super-Nanny und einen ehemaligen Jugendhilfeausschuss-Vorsitzenden zu einer Diskussionsrunde eingeladen. Letzterer stellte fast schon resigniert fest, nach dem Tod des ersten Kindes habe man das Hilfesystem umgebaut, den Tod eines zweiten Kindes damit aber nicht verhindert. Fehlte in der Runde der Vertreter eines Systems, das erfolgreich ist. Die gibt es. Auch für Familien mit Drogenproblemen. Gelernt haben müsste man längst: Neuorganisation verpufft, wenn an unfähigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern festgehalten wird.

Schon sind wir bei der Therapeutischen Gemeinschaft Wilschenbruch. Die meisten Kritikerinnen und Kritiker der Einrichtung sind immer noch auf Ruthard Stachowske fixiert. Der ist weg. Kommt nicht wieder. Aber immer noch bekomme ich Anrufe von aktuell Betroffenen, die auf die Frage, wie gut sie die neue Geschäftsführerin der Sucht- und Jugendhilfe Lüneburg und den neuen Leiter der Einrichtung kennen, mit Achselzucken reagieren. Nenne ich die Namen anderer Betroffener, sind die den Anruferinnen und Anrufern völlig unbekannt. Wer aber nicht weiß, dass es anderen auch nicht viel besser ergeht, kann sich auch nicht gemeinsam mit anderen wehren.

In Schulen gibt es Elternbeiräte und Elternabende, in Kindergärten kennt man sich, in der Therapeutischen Gemeinschaft Wilschenbruch läuft man offenbar aneinander vorbei. Wer nun glaubt, die Chefetage würde das ändern, täuscht sich wohl. Gefragt sind der Gesetzgeber und die Aufsichtsbehörden. Als gGmbH genießt die Sucht- und Jugendhilfe Lüneburg Vorteile, in einer angeblich familienorientierten Einrichtung wie der Therapeutischen Gemeinschaft Wilschenbruch müsste es ganz anders zugehen als immer noch.

Ergo: In allen Kinderheimen und Einrichtungen, die sich um das so genannte "Kindeswohl" kümmern, müssten regelmäßige Treffen aller Betroffenen und die Bildung eines Beirates aus Betroffenen, der bei aktuellen Problemen sofort eingeschaltet werden muss, Vorschrift sein. An alle vier Wochen ein Besuch kann ich nichts Familienorientiertes finden, es sei denn, man reduziert den Begriff  Familie auf diejenigen, die in der Einrichtung sind.

Das Argument, man müsse ungestört arbeiten können und das gehe nur, wenn Familienmitglieder nur nach Absprache in der Einrichtung auftauchen, ist fadenscheinig. Das könnte auch jedes Krankenhaus und jedes Alten- und Pflegeheim behaupten. Machen die aber nicht. Meine Mutter ist in einem Pflegeheim. In diesem Heim gibt es ein öffentliches Restaurant und Zimmer für Touristen. Nun sage man mir bloß noch, dass die Pflege von Alzheimer-Patienten weniger schwer sei als die Hilfe für Mütter und Väter mit Drogenproblemen...

Gäbe es in der Therapeutischen Gemeinschaft Wilschenbruch einen Beirat, hätte sie sofort ein Problem. Denn alle Betroffenen, die sich bei mir melden, finden für zwei Mitarbeiterinnen der Einrichtung die gleichen Adjektive. Die sind wenig schmeichelhaft. Liest man mir vor, was eine dieser beiden Mitarbeiterinnen an Behörden schreibt, dann fällt mir ein: Das hat sie auch schon über andere Mütter und Kinder behauptet. Bei Drogenkranken muss man nicht differenzieren? Kann das eine Sozialpädagogin überhaupt?

Mindestens ebenso schlimm ist: Vorwürfe, die zu Zeiten von Ruthard Stachowske erhoben worden sind, werden weder von der neuen Geschäftsführerin der Sucht- und Jugendhilfe Lüneburg noch von dem neuen Leiter der Therapeutsichen Gemeinschaft Wilschenbruch auf den Prüfstand gestellt. Sie pflanzen sich einfach fort. Wie - im wahrsten Sinn des Wortes - Unkraut...

Kommentare:

  1. Herr Tjaden, das sind gute Anregungen. Nicht nur für die TG in der Nach-Stachowske-Ära.

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  2. ich komme gerade vom arbeitsgericht in lüneburg. irgendwas habe ich in meinem leben falsch gemacht...

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    1. im nächsten leben werden wir das anders einrichten - und wenn es lange (!) dauert :-)

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  3. ich kann nur sagen das es mir besser geht seit ich
    vor drei wochen einfach heimlich gegangen bin

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    1. herzlichen glückwunsch. sind sie mit oder ohne kinder gegangen?

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