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Dienstag, 7. August 2012

Amazon

56,63 Euro für eine Broschüre von mir?

Eines meiner Bücher finde ich zu teuer: Jemand bietet bei Amazon "Kauft nicht bei Ex-Neuapostolischen" für einen Mindestpreis von 56,63 Euro an. Denn diese Broschüre verkaufe ich immer noch bei www.lulu.com. Für 9,94 Euro.

Auf keine Veröffentlichung von mir hat die Neuapostolische Kirche so höhnisch und so wütend reagiert wie auf diese. Der damalige Kirchenpräsident Richard Fehr schrieb mir sinngemäß, ich solle doch schreiben, was ich wolle, die Leserinnen und Leser würden schon wissen, was sie davon zu halten hätten. Kaum war das Buch auf dem Markt, erstattete die Neuapostolische Kirche gegen mich Strafantrag. Begründet wurde die Anzeige mit der frei erfundenen Behauptung, ich hätte geschrieben, dass die Neuapostolische Kirche ihre Mitglieder so behandele wie "Hitler die Juden". Die Staatsanwaltschaft legte den Vorgang zu den Akten.

Ausgewertet hatte ich alle neuapostolischen Schriften, in denen es um den dritten Kirchenpräsidenten Johann Gottfried Bischoff ging, der erst hinter den Kulissen, dann ab Weihnachten 1951 öffentlich predigte, er werde nicht sterben, weil Jesus zu seinen Lebzeiten wiederkomme. Seine Kritiker überzog er mit Hasspredigten, wer widersprach oder Kontakt suchte mit Zweiflern, wurde ausgeschlossen und verleumdet. Einige Kritiker zahlten mit gleicher Münze zurück.

Wirklich aufgearbeitet hat die Neuapostolische Kirche diese Geschichte nie. Mehr oder weniger zaghafte Versuche scheiterten an mangelnder Bereitschaft zu einer schonungslosen Aufklärung. Ein enger Vertrauter von Johann Gottfried Bischoff drohte Jahrzehnte später mit Enthüllungen, die das Aus für viele bedeuten würden. Doch er beließ es mit Ankündigungen in mitgeschnittenen Telefongesprächen. Ich habe mir diese Mitschnitte angehört und war erstaunt über den rüden Ton.

Heute kämpft die Neuapostolische Kirche mit Mitgliederschwund, den sie auf die demographische Entwicklung schiebt. Doch das Problem ist viel tiefgreifender: Junge Leute laufen dieser Glaubensgemeinschaft weg, neue kommen kaum dazu. Wo die Neuapostolische Kirche früher den Teufel vermutet hat, entstand ein Vakuum. Predigten sind durchsetzt mit Durchhalteparolen. Motto: "Wer bleibt, wird irgendwann von Gott reichlich belohnt."

Samstag, 28. November 2009

Therapeutische Gemeinschaft Wilschenbruch (XIV)

Im Namen des Volkes?

„Das Internet macht es den Menschen leicht, ungerechtfertigte Vorwürfe gegen andere zu erheben. Die Anonymität schützt sie“, sagt Matthias Lange, Geschäftsführer der Jugendhilfe Lüneburg, am 12. Juni 2009 in einem Artikel der „Lüneburger Rundschau“. „Rechtsstreiten“ sehe man gelassen entgegen.

Das klingt so, als werde die Therapeutische Gemeinschaft Wilschenbruch, die sich seit 1993 unter dem Dach der Jugendhilfe Lüneburg befindet, von ehemaligen Patientinnen und Patienten vor Gericht gezerrt. Jeweilige Beklagte oder Angeklagte wäre also die von Professor Dr. Ruthard Stachowske geleitete Gemeinschaft. So weit ist es aber noch nicht.

Vor Gericht in Lüneburg steht am 3. August 2009, 12 Uhr, ein Ehemaliger, der sich nach einem Beitrag des Evangelischen Kirchenfunks, ausgestrahlt am 24. Oktober 2007 auf radio ffn, kritisch im Internet geäußert hat. Nicht anonym. Mit seinem Namen. Nun lautet die Anklage: „Verleumdung“.

Erst der Anfang?

Doch dieser Prozess soll erst der Anfang sein. Das Team des Professors hat umfangreiches Material gesammelt, die Staatsanwaltschaft von Lüneburg beschäftigt sich damit. Möglicherweise intensiv. Denn: Der Anspruch der Therapeutischen Gemeinschaft Wilschenbruch ist eine „familienorientierte stationäre Drogentherapie“. Die Wirklichkeit soll sein: Mütter werden schnell von ihren Kindern getrennt, betreuen statt dessen die Kinder anderer Mütter. Teammitglieder, die dem Professor nicht treu ergeben sind, werden unter Druck gesetzt.

Den Prozess hat der Angeklagte mehrfach öffentlich provoziert, er ist nach seinen Angaben so gelassen wie das angeblich Matthias Lange ebenfalls ist. Diesen Geschäftsführer kann man als Redakteur zu Vorwürfen durchaus befragen. Wie ich das als Redakteur am 16. Juli 2009 getan habe. Wissen wollte ich beispielsweise, ob Professor Dr. Ruthard Stachowske seinem Team gegenüber meine Seiten http://familiensteller.blogspot.com als „Dreckseiten“ bezeichnet hat, die man aus dem google-Blickfeld klicken müsse. Eine Antwort habe ich nicht bekommen.

Drogenabhängige Familiensysteme

Zu Wort kommen auf meinen Seiten Betroffene, gewürdigt werden Ausführungen des Professors, in denen er Familienprobleme darauf zurück führt, dass sich „Täter- und Opfergenerationen“ des Zweiten Weltkrieges aufeinander eingelassen haben, in denen er Familiensysteme gelegentlich linear analysiert (Großmutter hat Drogen genommen, deswegen hat Mutter Drogen genommen, deshalb ist die Enkelin bei mir in Drogentherapie).

Auch die „Beweismittel“, die vom Team des Professors zusammengetragen worden sind für diesen und möglicherweise auch für weitere Prozesse, sind eine Betrachtung wert. Was wäre, wenn: Dazu Niederschriften von Schutzbefohlenen gehören, die so lange umgeschrieben worden sind, bis sie dem Professor gefielen? Belohnung dafür: Ein paar Augenblicke mit dem eigenen Kind? Berichten mehrere Mütter, die sich allmählich aus dem Schutz der Anonymität herauswagen.

Durchaus eigenartig ist auch, wie mich dieser Professor zu einer näheren Beschäftigung mit diesem Thema gebracht hat. So: Er schaltete einen Anwalt ein und drohte mir am 28. Mai 2009 mit „vehementer“ Verfolgung seiner Interessen. Anlass waren zwei kritische Kommentare über die Arbeit des Lüneburger Jugendamtes und über die Therapeutische Gemeinschaft Wilschenbruch.

Damit weckte Ruthard Stachowske mein Interesse. Schnell passten journalistische Mosaiksteine zusammen, die mir von Betroffenen am Telefon oder schriftlich geliefert worden sind. Ein Mosaiksteinchen stammt auch vom am 3. August 2009 Angeklagten. Er berichtet, dass ihm als Mann aus Dachau (= Täter) eine Beziehung mit einer „Zigeunerin“ (= Opfer) negativ angelastet worden sei.

Passt zur oben erwähnten Weltkriegs-Theorie des Professors, die sich nach seiner eigenen Einschätzung wissenschaftlicher Anerkennung erfreut – wie sein Institut, in dem gelehrt wird, ein Hund attackiere per Biss das „Energiefeld“ eines Menschen. Das müsse erst wieder vernarben.

Befragt man als Redakteur dazu Experten, die sich auf dem gleichen therapeutischen Feld tummeln, bekommt man – wie vom Geschäftsführer der Jugendhilfe Lüneburg – keine Antwort!

Könnte spannend werden

Der Prozess am 3. August 2009 vor dem Lüneburger Amtsgericht könnte also einen spannenden Verlauf nehmen, auf http://familiensteller.blogspot.com wird darüber berichtet. Einige werden sicherlich auch im Gerichtssaal vorbei schauen, die Verhandlung verfolgen und gespannt darauf sein, wie eine Lüneburger Richterin derlei bewertet.

Mein Hund sitzt übrigens während der Verhandlung in meinem Auto und stellt somit für kein einziges „Energiefeld“ eine Bedrohung dar. Übrigens: auch sonst nicht.

Doch: Spannend ist am Montag noch mehr. Wie begründet der Staatsanwalt die Anklage? Ermittlungsverfahren dürfen nur bei "zureichenden tatsächlichen Anhaltspunkten für das Vorliegen einer Straftat" eingeleitet werden. Die Neuapostolische Kirche (NAK) hat es einmal so versucht. Sie behauptete, ich hätte in meinem Buch "Kauft nicht bei Ex-Neuapostolischen" (immer noch zu beziehen über http://stores.lulu.com/hwilmers) den Eindruck erweckt, die NAK behandele ihre Mitglieder wie Hitler die Juden behandelt hat.

Diesen Vorwurf fand ich dermaßen unverschämt, dass ich es auf einen Prozess ankommen lassen wollte. Ist mir nicht gelungen. Das Ermittlungsverfahren wurde eingestellt, die NAK bekam den Hinweis, man könne zivilrechtlich gegen mich vorgehen. Hat sie nicht getan. Das Verleumdungs-Eisen war dieser Glaubensgemeinschaft wohl zu heiß geworden, denn bei einem Prozess hätte ich in aller Öffentlichkeit geschildert, was der Gegenseite so alles eingefallen war, um mich als Kritiker kalt zu stellen.

Veröffentlicht am 30. Juli 2009