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Sonntag, 22. Januar 2012

Wissenschaftler? (III)

22. Januar 2012
Niemand hat die Absicht, Kinder nicht zu lieben...

In seinen Beiträgen betont der Sozialpädagoge Ruthard Stachowske immer wieder, dass auch Mütter, die Drogen nehmen, ihre Kinder lieben. Dazu passt eine Reportage des Evangelischen Kirchenfunks Niedersachsen (EKN) vom 24. Oktober 2007.  Für die hat die Redakteurin einen Preis bekommen, weil sie auf feinfühlige Weise klar gemacht habe, dass "Drogenmütter" ihre Kinder "innig lieben". Zu den "Experten", die in dieser Radiosendung zu Wort kamen, gehörte Ruthard Stachowske.

Wir alle kennen den Satz von Walter Ulbricht vom 15. Juni 1961: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten." Wäre damals eine westdeutsche Redakteurin nach Ost-Berlin gefahren, hätte Ulbricht begleitet  und hätte dann auch noch für ihre Reportage einen Preis bekommen, weil sie auf feinfühlige Weise klar gemacht habe, dass Bauarbeiter der DDR tatsächlich genug mit dem Wohnungsbau zu tun haben, hätte sie Radiogeschichte gemacht.

So, wie Ulbricht in jenen Juni-Tagen des Jahres 1961 energisch das Ziel Mauerbau verfolgte, so energisch war Stachowske in jenen Oktober-Tagen des Jahres 2007 ein Familienzerstörer. In seiner Einrichtung gab es tatsächlich Mütter, die ihre Kinder innig liebten, aber dennoch von ihnen getrennt wurden und ihre Verzweiflung Tagebüchern anvertrauten. Stachowske hat die Öffentlichkeit getäuscht, eine EKN-Redakteurin fiel auf diese Täuschung herein. Das preisgekrönte "Meisterwerk" war deshalb gar keins.

Nicht alle haben sich täuschen lassen. Mütter, die in die Therapeutische Gemeinschaft Wilschenbruch (TG)kamen und die dort Anwesenden fragten, wie lange sie schon in der Einrichtung seien, fielen aus allen Wolken, wenn sie zur Antwort bekamen "Seit drei Jahren", "Seit vier Jahren"..., denn in den Werbeschriften der TG wurde die Therapiedauer zeitlich viel knapper bemessen. Auf diesen Widerspruch reagierten einige mit Flucht, wer trotzdem blieb, wurde härter bestraft als andere. Kritik war in dem System von Stachowske nicht vorgesehen, Kritiker mussten deshalb klein gemacht werden.

Möglicher Grund: Stachowske hätte nie plausibel machen können, warum Theorie und Praxis bei ihm nie in Einklang zu bringen sind. Experten hält er entgegen, dass nur eine Langzeittherapie hilft - daran muss er so fest geglaubt haben, dass er Langzeittherapien erzwang. Mögliches Motto: Sind die erst auf meine Werbesprüche hereingefallen, werden die wie Wachs in meinen Händen.

Viele Stellungnahmen von Stachowske und anderen gegenüber Behörden, Gerichten und gegnerischen Anwälten sind verräterisch. Aus denen erfährt man, wie dieser Sozialpädagoge wirklich tickt. Einer Mutter, die sich über den rauen Ton in der Einrichtung beklagte, hielt er entgegen, dieser Ton sei in der Drogenszene nun einmal üblich. Auf den Vorwurf, in der TG gebe es gar keine "tatsächliche Therapie", reagierte eine Mitarbeiterin mit der Behauptung, Therapie sei in den ersten sechs Monaten auch gar nicht möglich. Einer Mutter warf Stachowske vor, ihre Anwesenheit beschwöre gesundheitliche Gefahren herauf.

Der Mann ist offenbar auf einfache Angst-Strickmuster fixiert. Positive Überraschungen hält er wohl für unmöglich. Warum sich dieser Sozialpädagoge in eine Welt begeben hat, die ihm offensichtlich immer fremd bleiben wird, müsste zweifelhaft bleiben, wenn man nicht von Missionszwang ausginge. Seine These, bei der Erforschung der eigenen Familiengeschichte habe er festgestellt, dass es sich bei der Systemsteller-Methode um eine hervorragende Methode handele, hat ihn augenscheinlich zu einem eindimensionalen Menschen gemacht, der kulturpessimistisch davon ausgeht, dass wir nur eins können: Fehler reproduzieren, wenn man ihm nicht folgt.

Es gibt keine Methode, die sich für alles eignet. Bei der Erziehung schon gar nicht. Wo man landet, wenn man die Medaille einfach nur umkehrt, auf autoritäte Erziehung mit antiautoritärer Erziehung antwortet, ist hinlänglich bekannt. Im Nachhinein sind Generationen stets über Sammelbegriffe definiert worden. Der "zornigen Generation" folgte die "aufmüpfige". Manchmal erfolgen gesellschaftliche Veränderungen erst einmal in Sprüngen - ohne diese Sprünge der so genannten 68-er wäre Homosexualität immer noch ein Straftatbestand.

Alles infrage stellen, ist eine Möglichkeit, den Dingen auf den Grund zu gehen. Je schneller die Spreu vom Weizen getrennt wird, umso besser. Die Gespräche und die Begegnungen, die dorthin geführt haben, vergisst man nie wieder. So wird mir immer jene junge Mann unvergessen bleiben, der bei einer Demonstration von den Wasserwerfern der Polizei dermaßen genervt gewesen ist, dass er einen stahl und damit davonfuhr. Wenn er das heute seinen Enkeln erzählt, werden die hoffentlich begeistert sein.

Wie falsch Stachowske mit seinen Annahmen liegt, weiß ich aus Erfahrung. Aus Erfahrung weiß ich auch, wie sich die Auseinandersetzung mit der Therapeutischen Gemeinschaft Wilschenbruch entwickelt hat. Anfangs bekam ich immer wieder Anrufe, bei denen ich vor dem langen Arm von Stachowske gewarnt wurde, jede neue Kritikerin galt erst einmal als mögliche Spionin des Sozialpädagogen aus Wilschenbruch - und immer, wenn ich an dem Punkt angelangt war, das Thema zu den Akten legen zu wollen, fiel Stachowske etwas ein, was mich davon abhielt. So ist er zu einer tragischen Figur geworden.

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