So nützlich wie Fußpilz
Systemisches Familienaufstellen ist schwer in Mode - und in etwa so nützlich wie Fußpilz. Hat man Fußpilz, wird einem klar, dass man Füße haben muss, um an denselben einen Pilz zu bekommen. Lässt man seine Familie systemisch aufstellen, wird einem klar, dass man eine Familie haben muss, damit man die Mitglieder irgendwo hinstellen kann. Die Psychotherapeuten, die diese Methode anwenden, haben neuerdings nicht mehr nur ein Brett vor dem Kopf, sondern auch noch eins dabei. Mit Figuren, die Erwachsene und die Kinder darstellen.
An dieser Stelle sollte ich allen mitlesenden systemischen Familienaufstellern wohl erst einmal erklären, was Kinder sind. Kinder sind jene Lebewesen, die von Frauen zur Welt gebracht werden, erst dort herumliegen, wo man sie hinlegt, dann durch die Gegend krabbeln, schließlich aufstehen und zum Postboten sagen: "Papa!" Kinder in sehr jungem Alter können kein Geheimnis für sich behalten, sie krähen es heraus - und lachen auch noch.
Später lernen Kinder, dass sie nicht zum Postboten Papa sagen sollten, sondern zu dem Mann, mit dem Mutti abends ins Bett geht. Die Geschichte vom Postboten wird also zu einem gut gehüteten Geheimnis. Geheimnisse machen Spaß, wissen bald auch die Kleinen, die davon gar nicht genug bekommen können. Aber Geheimnisse hüten, bringt Kindern nicht lange Freude. Deswegen machen sie sich innerhalb oder außerhalb der Familie auf die Suche nach Verbündeten, denen sie alles anvertrauen können. So zeigen Kinder ihre Liebe und ihr Vertrauen.
Außerdem haben Kinder feine Sensoren, sie wissen meistens eher als Erwachsene, wann Gefahr im Verzuge ist und wann sie sich besser verstecken sollten. Ihre Verbündeten nehmen sie mit in ihr Versteck. Dort holt sie auch kein systemischer Familienaufsteller heraus. Sie werden ausgetrickst. Sobald ein Kind begriffen hat, dass eine Figur besser nicht dort hingestellt wird, wo sie der Psychotherapeut sofort entdeckt, wird sie abseits platziert. Darauf fallen die systemischen Familienaufsteller regelmäßig herein und verwechseln räumliche Nähe auf einem Brett mit tatsächlicher Nähe.
Leider aber schreiben sie anschließend nicht in ihre Gutachten, dass sie von einem Kind hinters systemische Familienaufsteller-Licht geführt worden sind, sondern beispielsweise: "Mit dem Familienmitglied XY hat das Kind offenbar Probleme." Glaubt das auch noch ein Familiengericht, dann fällt das Kind in den Brunnen...Nur der Postbote ist fein heraus.
"Hier endet euer Prinzip der Hoffnung" (Ruthard Stachowske) Die Therapeutische Gemeinschaft Wilschenbruch ist 2014 geschlossen worden.
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Montag, 1. Oktober 2012
Samstag, 28. November 2009
Therapeutische Gemeinschaft Wilschenbruch (XXV)
Doch mit dem Buch kamen die Tränen (II)
Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe
Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe
Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe
Erich Fried
(Dichter)
Was es ist
Bestimme ich.
Sagt Ruthard Stachowske
(Philosoph)
Sonja Meier (Name geändert) hat von ihrem Freund einen Brief bekommen. Sie ahnt nicht: Davon gibt es viele. Diese Briefe sind ihr nicht ausgehändigt worden. Die bekommt sie erst, als sie die Therapeutische Gemeinschaft Wilschenbruch verlassen hat.
Sonja Meier liest den Brief ihres Freundes, es ist ein Abschiedsbrief. Gefühle stürmen auf sie ein: Wut, Enttäuschung, Eifersucht. Mit diesen Gefühlen lässt man sie allein. Sie versinkt, allein gelassen. Nicht zum ersten Mal.
Im System von Professor Dr. phil. Ruthard Stachowske ist wenig Platz für „Es ist, wie es ist, sagt die Liebe.“ Statt dessen empfiehlt er die Trennung. Eines Tages will der Leiter der Therapeutischen Gemeinschaft Wilschenbruch sogar den Vater von Sonja Meier verklagen. Dazu kommt es aber nicht. Ist im System von Stachowske auch nicht wichtig. Sein System funktioniert in den mir bekannten Fällen bei Müttern mit Kindern plus Partner so: Zweifel an der Beziehung säen und für die Kinder gedanklich schon einmal eine Pflegefamilie aussuchen. Das ist belegt. In Schriftstücken. Das macht Stachowske aber nicht allein. Dabei hilft immer wieder eine Mitarbeiterin.
Die ist selbst einmal drogensüchtig gewesen. Das scheint sie verdrängt zu haben. Sonst könnte sie dem Professor nicht zur Hand gehen, wenn in der Therapeutischen Gemeinschaft Wilschenbruch rechtsfreie Räume entstehen. Einer weiterer dieser rechtsfreien Räume sieht für Sonja Meier so aus: Obwohl sie nun keinen Freund mehr hat, muss sie täglich 1,50 Euro „Konsequenzgeld“ bezahlen, bis sie sich eine Spirale einsetzen lässt. Sie ist nicht die Einzige, die dazu gezwungen wird.
Der dritte rechtsfreie Raum. Auch Sonja Meier berichtet: „Ich musste eine freiwillige Sorgerechtsverzichtserklärung unterschreiben.“ Das ist strafbar, denn niemand darf sich als Richter aller Richter aufspielen. Sorgerechtsentzug ist im deutschen Rechtssystem immer noch das allerletzte juristische Mittel, das erst angewendet werden darf, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind.
„Ich wollte immer alles richtig machen“, sagt Sonja Meier. Auch das hat ihr nicht geholfen. Sie wird im Drei-Phasen-System des Professor hin- und hergeschubst, mal lebt sie in einer Außenwohnung, dann wieder in der Einrichtung. Zwischendurch „Klausuren“. Allein in einem Raum unter dem Dach eines Hauses in Lüneburg.
Nach zwei Jahren endet ihre Leidensgeschichte. Nun ist sie in einer Selbsthilfegruppe. Sie bleibt in der Stadt. Nach einem halben Jahr sind ihre beiden Söhne wieder bei ihr. Dieses Mal hat das Jugendamt von Lüneburg dem Leiter der Therapeutischen Gemeinschaft Wilschenbruch die Stirn geboten. Das tun inzwischen auch andere Jugendämter. Nach einschlägigen Erfahrungen mit dieser Einrichtung.
Stimmt schon: Der Krug geht so lange zum therapeutischen Brunnen, bis jemand berichtet. Hinzu kommt: Betroffene bereiten gerade eine Sammelklage vor. Sonja Meier: „Ich bin dabei.“
Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe
Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe
Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe
Erich Fried
(Dichter)
Was es ist
Bestimme ich.
Sagt Ruthard Stachowske
(Philosoph)
Sonja Meier (Name geändert) hat von ihrem Freund einen Brief bekommen. Sie ahnt nicht: Davon gibt es viele. Diese Briefe sind ihr nicht ausgehändigt worden. Die bekommt sie erst, als sie die Therapeutische Gemeinschaft Wilschenbruch verlassen hat.
Sonja Meier liest den Brief ihres Freundes, es ist ein Abschiedsbrief. Gefühle stürmen auf sie ein: Wut, Enttäuschung, Eifersucht. Mit diesen Gefühlen lässt man sie allein. Sie versinkt, allein gelassen. Nicht zum ersten Mal.
Im System von Professor Dr. phil. Ruthard Stachowske ist wenig Platz für „Es ist, wie es ist, sagt die Liebe.“ Statt dessen empfiehlt er die Trennung. Eines Tages will der Leiter der Therapeutischen Gemeinschaft Wilschenbruch sogar den Vater von Sonja Meier verklagen. Dazu kommt es aber nicht. Ist im System von Stachowske auch nicht wichtig. Sein System funktioniert in den mir bekannten Fällen bei Müttern mit Kindern plus Partner so: Zweifel an der Beziehung säen und für die Kinder gedanklich schon einmal eine Pflegefamilie aussuchen. Das ist belegt. In Schriftstücken. Das macht Stachowske aber nicht allein. Dabei hilft immer wieder eine Mitarbeiterin.
Die ist selbst einmal drogensüchtig gewesen. Das scheint sie verdrängt zu haben. Sonst könnte sie dem Professor nicht zur Hand gehen, wenn in der Therapeutischen Gemeinschaft Wilschenbruch rechtsfreie Räume entstehen. Einer weiterer dieser rechtsfreien Räume sieht für Sonja Meier so aus: Obwohl sie nun keinen Freund mehr hat, muss sie täglich 1,50 Euro „Konsequenzgeld“ bezahlen, bis sie sich eine Spirale einsetzen lässt. Sie ist nicht die Einzige, die dazu gezwungen wird.
Der dritte rechtsfreie Raum. Auch Sonja Meier berichtet: „Ich musste eine freiwillige Sorgerechtsverzichtserklärung unterschreiben.“ Das ist strafbar, denn niemand darf sich als Richter aller Richter aufspielen. Sorgerechtsentzug ist im deutschen Rechtssystem immer noch das allerletzte juristische Mittel, das erst angewendet werden darf, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind.
„Ich wollte immer alles richtig machen“, sagt Sonja Meier. Auch das hat ihr nicht geholfen. Sie wird im Drei-Phasen-System des Professor hin- und hergeschubst, mal lebt sie in einer Außenwohnung, dann wieder in der Einrichtung. Zwischendurch „Klausuren“. Allein in einem Raum unter dem Dach eines Hauses in Lüneburg.
Nach zwei Jahren endet ihre Leidensgeschichte. Nun ist sie in einer Selbsthilfegruppe. Sie bleibt in der Stadt. Nach einem halben Jahr sind ihre beiden Söhne wieder bei ihr. Dieses Mal hat das Jugendamt von Lüneburg dem Leiter der Therapeutischen Gemeinschaft Wilschenbruch die Stirn geboten. Das tun inzwischen auch andere Jugendämter. Nach einschlägigen Erfahrungen mit dieser Einrichtung.
Stimmt schon: Der Krug geht so lange zum therapeutischen Brunnen, bis jemand berichtet. Hinzu kommt: Betroffene bereiten gerade eine Sammelklage vor. Sonja Meier: „Ich bin dabei.“
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