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Freitag, 20. Januar 2012

Wissenschaftler (II)?

20. Januar 2012
Bei Kritik duckt sich die Therapeutische Gemeinschaft Wilschenbruch weg

Schauen wir doch erst einmal auf diese Seiten. Wer den Beitrag verfasst hat, weiß ich nicht. Doch die Zusammenfassung der These von Ruthard Stachowske und Heidrun Girrulat ist zutreffend. Aber haben die beiden diese These jemals erhärtet? Und wie müsste das geschehen?

In seinen Vorträgen setzt sich Stachowske mit der "Lehrmeinung" zur Entstehung von Drogenabhängigkeit auseinander und behauptet, dass die Wirklichkeit so nicht eingefangen werde. Deshalb habe er in den "Familiensystemen" Drogenkranker geschürft. Dazu sagte er vor fünf Jahren: "Dabei sind Muster erkennbar geworden, die sich wie ein roter Faden durch alle Familiensysteme gezogen haben – und die auch nach Abschluss meiner eigentlichen Forschungsarbeit immer wieder erkennbar werden."

In einem Schriftsatz an das Hamburger Landgericht wiesen wir auf diese Veröffentlichung hin, der Anwalt von Stachowske bestritt sogleich, dass sein Mandant diese Auffassung vertrete. Das machte uns stutzig. Ich fragte die Infostelle, die dieses Interview veröffentlicht hatte, ob sie Stachowske falsch zitiert habe, bekam jedoch keine Antwort.

Kehren wir zu der Frage zurück: Wie erhärtet man eine sozialwissenschaftliche These? Lernt man als Student an Universitäten in Methodenseminaren. Nehmen wir diese These: Gewalt in den Medien führt dazu, dass Kinder, die sich solche Sendungen anschauen, aggressiv werden. Gebildet worden ist eine Gruppe, die sich Sendungen mit Gewalt anschaute, und eine Kontrollgruppe, die sich gewaltfreie Sendungen anschaute. Heraus kam eine  Bestätigung der Gewalt-These.

Moment, sagte da ein anderer Sozialwissenschaftler. Bei der Studie sind meinem Kollegen methodische Fehler unterlaufen. Also machte er eine neue. Ergebnis: Kinder, die Sendungen mit Gewalt anschauen, reagieren sich dabei ab und reinigen sich so von Aggressionen.

Mannoman, kam ein dritter Sozialwissenschaftler daher, ihr macht die Untersuchungen unter künstlichen Bedingungen, die Umwelt der Kinder berücksichtigt ihr gar nicht. Ergebnis: Ein Zusammenhang zwischen Sendungen mit Gewalt und steigender Neigung zu Gewalt kann nicht hergestellt werden.

Das fand ich spannend und mir wurde klar: Als Sozialwissenschaftler kann man jede These "beweisen". Man muss nur wollen. Und bei den Methoden schummeln. Wie Ruthard Stachowske und Heidrun Girrulat. Mir sind keine Interviews der beiden bekannt, von denen man sagen könnte, dass sie zur Bildung einer empirischen Basis führen. Die These "Die Jungen leben nur, was die Alten vorgelebt haben" ist ein Glaubenssatz, an dem Stachowske und Girrulat nicht rütteln wollen. Sonst hätten sie eine Kontrollgruppe gebildet mit Nicht-Drogenabhängigen, um empirisch nachzuweisen, dass auch für eine solche Gruppe die These gilt.

Immer wieder hat Stachowske versichert, dass er die Schuldfrage nicht stelle, wenn es um die professionellen Helfersysteme und die angewandten Methoden gehe. Die Methoden seien schlicht ungeeignet. So habe er die Pharmaindustrie um Unbedenklichkeitsbescheinigungen für die Substanzen gebeten, die beim Kampf gegen die Drogensucht eingesetzt werden. Die habe er nicht bekommen, statt dessen habe man ihm Hinweise auf Nebenwirkungen zukommen lassen. Wer nun daraus den Schluss zieht, dass zu Zeiten von Ruthard Stachowske als Leiter der Therapeutischen Gemeinschaft Wilschenbruch den Klientinnen und Klienten keine Substanzen mit Nebenwirkungen verabreicht worden sind, unterliegt einem Trugschluss. Ein Kind berichtet, es habe solche Medikamente bekommen.

Spannend wären Psychogramme des Stachowske-Teams. Auffällig ist: Mit Klientinnen und Klienten, die sich nicht bedingungslos untergeordnet haben, kam dieses Team nicht zurecht. Sie wurden rausgeworfen oder machten sich aus dem Staub. Begann der Kampf um die Kinder, reagierten Stachowske und Teammitglieder mit Gefühlsausbrüchen, die sich professionelle Therapeuten niemals leisten würden.

Horst Eberhard Richter hat sich als Psychoanalytiker ebenfalls mit dem Thema Familien beschäftigt. Seine Konfliktforschungen flossen auch in seine politische Arbeit ein. Er schrieb: "Es gibt eine kreisförmige Wechselbeziehung zwischen Machen und Erkennen. Wenn man nicht macht, was man als notwendig, wenn auch mit persönlichen Unannehmlichkeiten behaftet, erkannt hat, dann kann man irgendwann auch nicht mehr erkennen, was zu machen ist. Wer Anpassungszwängen taktisch nachgibt, wohl wissend, dass er ihnen mit vertretbarem Risiko widerstehen könnte und auch sollte, wird nach und nach die Unzumutbarkeit von Anpassungsforderungen gar nicht mehr wahrnehmen..."

In diesen Strudel sind Klientinnen und Klienten geraten, die in der Therapeutischen Gemeinschaft blieben. Erst wurde ihnen mit Drohungen, Manipulationen und Strafen der Weg zum Machbaren versperrt, dann  taten sie, was das Team wollte und erkannten erst in anderen Einrichtungen, dass sie versagt hatten, weil sie versagen sollten.

Für alle, die in der TG sind oder waren: Umfrage